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Der Plot – Aufbau von Geschichten

In den beiden letzten Artikeln zum Thema “Kreatives Schreiben” hatte ich berichtet, wie ich zum Schreiben kam und wie ich an Ideen für Geschichten komme. In beiden Fällen fiel der Begriff “Plot”, dem ich mich nun widmen möchte.

Der Plot ist im Grunde der Aufbau einer Geschichte. Viele Autoren legen einen Handlungsrahmen fest, bevor sie mit dem Schreiben beginnen. Warum viele und nicht alle? Nun, im künstlerisch-kreativen Schreibhandwerk gibt es keine festgelegten Regeln. Es ist nirgendwo in Stein gemeißelt, wie Kreatives Schreiben geht. Von daher wird es auch Autoren geben, die direkt mit dem Schreiben der Geschichte beginnen und sich selbst von der Entwicklung der Handlung überraschen lassen. Für mich als Schreibanfänger war das Plotten jedenfalls eine sinnvolle Vorgehensweise. Es half mir, Schritt für Schritt  meine Geschichte zu entwickeln. Im Übrigen hatte ich während meiner Schreibwerkstatt eine interessante Parallele zu meinem Brotjob entdeckt. Als Unternehmensberater schreibe ich hin und wieder einen Businessplan. Das ist im Grunde nichts anderes als die (gewünschte) Erfolgsgeschichte eines noch zu gründenden Unternehmens. Auch dort gibt es keine gesetzlichen Vorschriften, wie ein Businessplan auszusehen hat. Aber es haben sich im Laufe der Zeit allgemeingültige Elemente ergeben, auf die der Unternehmer eingehen sollte, um sein Geschäft zu beschreiben. Man folgt also einer sinnvollen, inhaltlichen Struktur beim Schreiben. Diese wird als “Inhaltsangabe” an den Anfang des Businessplans gestellt. Und genau so kann man auch beim Kreativen Schreiben vorgehen. Nur, dass die Inhaltsangabe – der Plot – nicht Bestandteil des Werkes wird. Von daher – und das ist die eigentliche Parallele, die ich seinerzeit entdeckte – kam mir das konzeptionelle Schreiben eines Businessplans und das kreative Schreiben einer Kurzgeschichte ähnlich vor. Für mich hat also Kreativität eine Menge mit konzeptionellen Vorgehen zu tun. Mir hilft der Plot, meine Geschichte zu konzipieren, also voraus zu denken. So erliege ich nicht der Gefahr, mich zu verzetteln, wenn ich einfach drauflos schreiben würde.

Doch wie sieht ein typischer Plot aus? Und wie unterscheidet sich der Plot für einen Roman von einem für eine Kurzgeschichte?

Beantworten wir zunächst die zweite Frage: eigentlich gar nicht. Die Grundelemente sind in beiden Fällen dieselben. In den Plot gehören die Figuren der Geschichte: Held (Protagonist), Gegenspieler (Antagonist) und wichtige Nebenfiguren. Dazu die zentrale, dramatische Frage, die den Helden antreibt. In manchen Büchern wird auch von dem “unbändigen Wunsch” des Protagonisten gesprochen. Der Held muss ein Ziel haben, das grundsätzlich nachvollziehbar ist. Auf dem Weg zur Zielerreichung müssen sich ihm Hindernisse in den Weg stellen. Das macht die Spannung der Geschichte aus. Ganz klar: für diese Hindernisse (auch “Konflikte” genannt) ist der Antagonist zuständig. Für das Ende der Geschichte gibt es im Prinzip drei Möglichkeiten: der Protagonist erreicht sein Ziel, er erreicht es nicht oder das Ende bleibt offen. In jedem Fall muss das Ende aber plausibel sein. Der Leser muss nachvollziehen können, warum es sich so und nicht anders ereignet.

Wir können also folgende Kurzformel für einen (Basis-) Plot entwerfen und sagen, eine Geschichte wird in sechs Schritten interessant:

  1. Interessante Figuren
  2. Der Protagonist wird von einem unbändigen Wunsch angetrieben
  3. Ein erstes Hindernis
  4. Ein zweites Hindernis
  5. Ein drittes Hindernis
  6. Nachvollziehbare Auflösung

Um es nochmals zu sagen: dieser Plot ist eine Empfehlung und keinesfalls eine allgemeingültige Regel. Nichts ist in Stein gemeißelt. Aber so kann eine Geschichte funktionieren.

Schauen wir uns doch mal an, wie unterschiedliche Genregeschichten funktionieren. Wir werden feststellen: der oben beschriebene Grundplot ist bei genauer Betrachtung gut zu erkennen!

Einer James-Bond-Geschichte, also einem typischen (Agenten-) Thriller, liegt beispielsweise folgende Struktur zugrunde:

  • Ein Verbrechen geschieht (muss nicht immer ein Mord sein, kann auch der Diebstahl einer Atombombe sein oder ein anderes, kriminelles Ereignis)
  • Die Ermittlung beginnt und die Kontrahenten begegnen sich; dabei entstehen verschiedene Kampfsituationen (es ist immer der Kampf zwischen Gut und Böse, Held und Schurke; oft auch Rededuelle als nicht-körperlicher Kampf – gerade bei Bond)
    • Beauftragung des Helden (M schickt Bond in seine nächste Mission)
    • Verfolgung des Verdächtigen
    • Flucht des Verdächtigen bzw. kritische Situation für den Helden; oft lebensgefährliche Situationen
    • Gefangenschaft (der Held gerät in Gefangenschaft und muss sich befreien; hier hat Bond ja so einige Tricks auf Lager …)
    • Befreiung
  • Überwältigung (Entscheidender Kampf bzw. Überwältigung/Überführung des Schurken); am Ende eines Falles steht nicht die Festnahme des Verbrechers, sondern ein Zweikampf auf Leben und Tod,  ein Showdown, den der Verbrecher verliert.

Und hier zum Vergleich der Plot einer Detektivgeschichte (vgl. Nusser: Der Kriminalroman, S. 23 ff.):

  1. Das rätselhafte Verbrechen (meist ein Mord)
  2. Die Fahndung nach dem Täter (die Enträtselung)
    1. Beobachtung
    2. Verhör
    3. Beratung
    4. Verfolgung
    5. Inszenierung der Überführungsszene
    6. Die Lösung des Falls (Aufklärung des Mordes)

Rekonstruktion des Tathergangs aus Sicht des Detektives

  • Wer war es?
  • Wie ist die Tat passiert? (Mittel und Gelegenheit)
  • Warum geschah die Tat? (Motiv)

3. Rekapitulation seiner Ermittlungen
4. Geständnis des Täters

Typische fiktive Ermittler, die so vorgehen, sind Sherlock Holmes, Miss Marple oder Hercule Poirot. Aber auch der heutige “Tatort” im Fernsehen funktioniert nach ähnlicher Struktur.

Die Grundspannung liegt immer im Zusammenspiel von Protagonist (unbändiger Wunsch, Ziel) und Antagonist (Hindernisse, Konflikte). Die Dramaturgie ergibt sich aus weiteren Elementen und Stilmitteln, auf die ich an anderer Stelle noch eingehen werde.

Übrigens: “Spannung” ist kein Element, das ausschließlich Thriller und Krimis kennzeichnet. Jede Geschichte sollte spannend erzählt werden, damit wir Leser dran bleiben und das Buch nicht nach den ersten Seiten zur Seite legen. Auch Liebesgeschichten funktionieren nach diesem Plot: Sie will ihn, aber das Schicksal will es zunächst ganz anders. Bis die beiden endlich zueinanderfinden passieren eine Menge spannende, kuriose, herzzerreißende Dinge.

  1. Interessante Figuren (Sie, Er, und der dazwischenfunkende Dritte)
  2. Der Protagonist wird von einem unbändigen Wunsch angetrieben (Sie will Ihn und Er will Sie eigentlich auch – auch wenn Er von seinem Glück noch nichts weiß …)
  3. Ein erstes Hindernis (Der Dritte funkt dazwischen; können auch widrige Umstände sein, Missverständnisse …)
  4. Ein zweites Hindernis (und nochmal)
  5. Ein drittes Hindernis (und wieder – verliebt Sie sich etwa in den Dritten, jetzt, wo Er es gerade kapiert hat?!)
  6. Nachvollziehbare Auflösung, nach überraschender Wendung zum Schluss (Am Ende kriegt Sie doch den richtigen Ihn – Happy End. Puh, nochmal gut gegangen …)

Zum Abschluß kleine Übung gefällig? Schaut euch mal Filme an und prüft sie auf einen solchen Plot. Oder beim nächsten Roman: geht mal mit Bleistift und Papier der Frage nach, wie die Geschichte strukturiert ist!

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