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Von der Idee zur Geschichte

Wie bekommt ein Autor die Idee für eine Geschichte? Um das Thema “Kreatives Schreiben” chronologisch zu bearbeiten, müsste man mit dieser Frage beginnen.

Für mich war es erstaunlich, wie schnell sich die Kreativität bei mir einstellte. Obschon ich ja glaubte, als “Stratege” (Unternehmensberater von Beruf) wenig Potenzial für Kreativität zu haben. Ich erinnere mich an eine Übung aus meinem Schreibseminar. Herr Knut gab uns jeweils drei Fotos und die Aufgabe, daraus eine Geschichte zu spinnen. Ich betrachtete die Fotos. Sie zeigten einen Mann, eine Frau und ein Kind, das in einem Rollstuhl saß. Hm, dachte ich, was kann man daraus machen? Jedenfalls setzte bei mir sofort das Kopfkino ein. Und ich begann, diese drei Fotos mit eigenen Erinnerungen abzugleichen. Erinnerungen an Begebenheiten, die ich erlebt hatte oder an Filme, die ich gesehen hatte. Mein naheliegendster Gedanke war, dass es sich um eine Familie handelt, die ein schweres Schicksal zu ertragen hat – die Querschnittslähmung ihres Sohnes. Dazu passte ein YouTube-Video, das ich mal gesehen hatte. Es zeigt die rührseelige Geschichte von Vater und Sohn. Der Sohn ist spastisch gelähmt, sitzt im Rollstuhl und fragt seinen Vater, ob er mit ihm am Iroman-Wettbewerb, dem wohl härtesten Triathlon auf Hawaii, teilnimmt. Kann der Vater seinem Sohn diesen Wunsch abschlagen? Natürlich nicht. Sie nehmen teil und der Zuschauer bekommt eine Gänsehaut, wenn er sieht, wie Vater und Sohn – von emotionaler Musik unterlegt – sich den Strapazen stellen.

Als Schreibübung erzählte ich also die Geschichte von Vater und Sohn. Zwar hatte ich konkrete Bilder im Kopf und ehrlich gesagt war es keine eigene sondern eine nacherzählte Geschichte, aber die Aufgabe lautete ja, etwas zu Papier zu bringen.

In seinem Buch “Gute Geschichten schreiben” widmet der Autor Detlef Knut ein Kapitel diesem Thema.

Gute Geschichten schreiben_Detlef Knut

Überhaupt möchte ich an dieser Stelle eine eindeutige Kaufempfehlung für dieses Buch aussprechen. Sämtliche Themen der Knut´schen Schreibwerkstätten und Seminare zum Thema “Kreatives Schreiben” sind darin zusammengetragen. Für den Einsteiger bietet es einen umfassenden Überblick und dem Profi dient es als Nachschlagewerk.

Wie kommt man zur Idee für einen Krimi, eine Liebes- oder Abenteuergeschichte? Das war die Ausgangsfrage. Ich weiß nicht, ob es anderen Autoren ähnlich geht (ich würde es stark vermuten), aber ich gehe, seit dem ich schreibe, anders durch meine Welt. Ich bin fast so etwas wie ein Voyeur geworden. Denn ich schaue oder höre bewusster hin, wenn ich durch die Einkaufsstraßen meiner Stadt schlendere. Winzigkeiten fallen mir auf und lösen das Kopfkino in mir aus. Ich kann es gar nicht mehr verhindern.

So erinnere ich mich beispielsweise an eine Bahnfahrt, bei der ich unfreiwillig Zeuge einer Unterhaltung von vier Herren wurde. Offenbar befanden sie sich auf einem kleinen Ausflug ohne ihre Damen und saßen im Zug zu viert zusammen. Einer erzählte, was ihm seine Frau berichtet hatte: sie hätte beobachtet, wie zwei Jugendliche einer Dame am Geldautomaten auf raffinierte und natürlich üble Weise das Geld vom Konto gestohlen hatten. Der Eine stellte sich im Abstand hinter die Dame, so, als würde er darauf warten, als nächstes an der Reihe zu sein. Er passte geschickt den Zeitpunkt ab, in dem die Dame den PIN, aber noch nicht den Betrag eingegeben hatte. Dann gab er seinem Komplizen ein Zeichen, der daraufhin dazu kam und die Dame anrempelte. Er selbst sprang an den Automaten und gab die Höchstsumme ein, nahm das Geld und beide hauten mit der Beute ab. Als ich das (unfreiwillig) hörte, speicherte ich mir dieses Episode im Hinterkopf. Vielleicht kann ich das für einen meiner nächsten Krimis verwenden.

Die Idee für meinen Kurzkrimi “Der Tod der alten Dame” bekam ich aus der Zeitung. Ich wollte an einem Schreibwettbewerb teilnehmen und war auf der Suche nach einer zündenden Idee. Eher zufällig stieß ich auf die Berichterstattung zu einem Strafprozess in der Onlineausgabe der Zeitung. Es ging um Mord – also war es genau das, was mich als Krimiautor interessierte. Aus den weiteren Artikeln zu diesem Fall konnte ich den kompletten Tathergang rekonstruieren. Das war klasse, denn schon hatte ich den Plot für meinen Krimi! Natürlich habe ich die Namen geändert, das Geschehen von Krefeld nach Düsseldorf-Oberkassel verlegt (denn das war Bedingung für den Wettbewerb) und mir ein tüchtiges Ermittlerpaar sowie mehrere Tatverdächtige überlegt. Herausgekommen ist ein spannender Rätselkrimi, der es in die Anthologie zum Wettbewerb geschafft hat.

Das Vermischen von Realität und Fiktion ist nur eine Möglichkeit, von der Idee zur Geschichte zu kommen. Im nächsten Blogartikel erzähle ich etwas über den Plot, also den Aufbau einer Geschichte. Stay tuned …

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